Das nächste Kapitel hat etwas mehr Überlegung gebraucht als die ersten, weil es nun mehr in die Gefühle hineingeht.
Nachdem schon Adelaide dieses Vergnügen hatte, muss nun auch Martha um ihr inneres Gleichgewicht kämpfen. 😊 Es ist nicht einfach für zwei Frauen im Jahre 1910. Doch es gilt, ein Geheimnis aufzuklären, und somit gibt es einen Anlass, der ihnen hilft, sich näherzukommen. Wenn sie das wollen.
5
Unentschlossen stand Martha vor dem Spiegel im Schlafzimmer ihrer Schwester, in dem auch sie die Nacht verbracht hatte, da das Cottage nur ein Gästezimmer besaß und dieses dem einzigen Mann im Haus, Dr. Watson, schon aus Gründen des Anstands hatte zugewiesen werden müssen. Etwas anderes wäre gar nicht denkbar gewesen.
Mit ungewohnt nervösen Fingern nestelte sie an der Brosche ihres hochgeschlossenen Kragens herum. Auf einmal erschien sie ihr altbacken und nicht besonders kleidsam.
Solche Gedanken waren ihr bisher noch nie in den Sinn gekommen. Sie trug diese Brosche immer zu diesem Kleid, und dieses Kleid trug sie immer zum Ausgehen, wenn sie Besuche machte wie beispielsweise jetzt den bei ihrer Schwester.
Schon lange hatte sie nicht mehr darüber nachgedacht, wie sie sich kleidete. Es gab keinen Grund dazu. Die Kleider, die in ihrem Schrank hingen, reichten für alle Gelegenheiten völlig aus.
Schließlich hielt ihr gesellschaftliches Leben sich in Grenzen. Meistens verbrachte sie ihre Zeit zu Hause, wie es sich für eine Frau ihres Alters und ihres Standes gehörte.
In zwanzig Minuten würde das Frühstück serviert werden. War das vielleicht der Grund für ihre Nervosität?
Es war schon ungewöhnlich genug, dass Dr. Watson und sie am selben Tisch sitzen würden, sie nicht Mr. Holmes und ihm das Frühstück servierte, aber es war ja nicht nur Dr. Watson.
Angestrengt zogen ihre Augenbrauen sich zusammen, als sie über das Szenario, das sie gleich erwarten würde, nachdachte. Was war ihr nur dabei eingefallen, Miss Sterling einzuladen?
Eleanor war entsetzt gewesen über diese Erschütterung der Etikette. Das hatte sie Martha nur unter Schwestern auch zu verstehen gegeben, nachdem Dr. Watson und Miss Sterling fortgewesen waren.
Als ältere Schwester hatte früher eher Martha die Position eingenommen, Eleanor Vorschriften zu machen oder Verweise zu erteilen, aber auch diese Zeiten waren schon lange vorbei. Die drei Jahre, die sie trennten, hatten keine Bedeutung mehr.
Doch Eleanor war bis vor kurzem verheiratet gewesen, hatte alle Entscheidungen ihrem Mann überlassen, während Martha nun schon die Hälfte ihres Lebens allein für sich verantwortlich zeichnete.
Sie war eine selbständige Frau, die ihr eigenes Geld verdiente. Zwar mit dem Haus, das Henry ihr hinterlassen hatte, aber nun war es schon so lange ihres, dass es schien, als wäre es nie anders gewesen.
Dieser Unterschied zu Eleanors Lebensweise hatte sie geprägt. Und das war wohl auch dafür ausschlaggebend, dass sie sich heute Morgen so verhalten hatte, als gäbe es keine gesellschaftlichen Konventionen, die einzuhalten sie aufgefordert gewesen wäre.
Eine wildfremde Frau, die sie überhaupt nicht kannte, zum Frühstück einzuladen, hatte die Grenzen nachbarschaftlicher Höflichkeit weit überschritten. Und dann war es noch nicht einmal ihr eigenes Haus, in dem sie zumindest schalten und walten konnte, wie sie wollte.
Aber das war es eben. Daran war sie gewöhnt. Wahrscheinlich hatte sie für einen Augenblick vergessen, dass sie sich nicht zu Hause befand.
Allerdings musste sie auch zugeben, dass Miss Sterling schon gestern, als sie auf ihrem Fahrrad nur am Wohnzimmerfenster vorbeigehuscht war, ihr Interesse erweckt hatte. Es kam nicht jeden Tag vor, dass etwas so Unerwartetes geschah.
Jedenfalls nicht hier, in Hampstead Heath, bei Eleanor. Zu Hause in der Baker Street war sie ja schon einiges gewöhnt.
Auch das eine Erfahrung, die Eleanor fehlte. Sie hätte sich wohl kaum mit dem Gedanken an einen Menschen wie Sherlock Holmes als Mieter anfreunden können. Niemals wäre das gutgegangen.
Martha war da mittlerweile viel toleranter geworden. Zu Anfang hatte sie auch überlegt, die beiden Herren gleich wieder vor die Tür zu setzen, aber zum Schluss war ihr das Dr. Watson gegenüber unfair erschienen, der einer der angenehmsten Menschen war, die sie je kennengelernt hatte.
Und so waren sie eben beide geblieben. Was Marthas Nervenstärke über die Jahre herausgefordert, aber auch wesentlich widerstandsfähiger gemacht hatte.
Die Baker Street war jedoch die Baker Street und Hampstead Heath war Hampstead Heath. Diese beiden Welten ließen sich kaum miteinander vergleichen. Und schon gar nicht vereinbaren.
Hätte sie anders reagiert, wenn sie Miss Sterling als eine der vielen, die Rat bei Mr. Holmes suchten, kennengelernt hätte?
Das war durchaus möglich. Was hatte sie da nicht schon alles gesehen …
Hier in Hampstead war Miss Sterling zweifellos eine Provokation auf zwei Beinen. Aber nun ja … selbst in London. Zumindest in den Kreisen, in denen Martha sich normalerweise bewegte.
Gestern schon hatte Eleanor ihr die merkwürdigen Beinkleider beschrieben, die Miss Sterling zum Radfahren trug, aber offenbar nicht nur zum Radfahren. Da hatte Martha lediglich einen sehr verschwommenen Blick auf sie erhascht, instinktiv das Gefühl gehabt, dass etwas an der Kleidung, an der ganzen Aufmachung nicht dem Üblichen entsprach.
Heute hatte sie genauer hinschauen können. Miss Sterling erschien fast wie ein orientalischer Fürst mit einem Serail, so bauschten sich die Hosen um ihre Beine. Und das war das Skandalöseste daran: dass man nicht nur vermuten, sondern tatsächlich sehen konnte, dass eine Frau Beine hatte.
Üblicherweise wurde so getan, als wäre eine Frau ab der Taille abwärts unsichtbar. Alles, was unter einem Kleid verborgen war, existierte einfach nicht. Man sprach nicht darüber, noch nicht einmal Frauen untereinander.
Das viktorianische Zeitalter hatte nicht unbedingt mit dem Tode Königin Victorias im Jahre 1901 geendet. Die Sitten waren immer noch dieselben, auch wenn das zwanzigste Jahrhundert das neunzehnte abgelöst hatte.
Doch Martha kam es auf einmal so vor, als wäre gerade in diesem Augenblick ein neues Jahrhundert angebrochen statt vor zehn Jahren.
Nein, nicht in diesem Augenblick, sondern vor ungefähr einer Stunde. Oder vielleicht schon gestern Abend? Es war alles etwas verwirrend.
Zwar hatte sie damit gerechnet, dass ein bisschen Verwirrung diesen Besuch begleiten würde, aber eher die von Eleanor, nicht ihre eigene.
Die ganz eindeutig nicht mit irgendwelchen Geistern oder Spukgeschichten zusammenhing, sondern mit etwas Realem. Einer ganz realen Person. Miss Sterling.
Die gewöhnungsbedürftigen Beinkleider, die unbändige Art, der Blick ihrer geheimnisvoll schimmernden Augen …
Martha stutzte. Was war nur an diesem Blick gewesen, dass er sie so in seinen Bann gezogen hatte? Was hatte sie dazu gebracht, plötzlich diese Einladung auszusprechen, gegen alle Vernunft, gegen alle Konvention, ohne jede weibliche Zurückhaltung?
Ein leises Rosa überzog ihr Gesicht, die begleitende Wärme ließ ihre Haut kribbeln.
Wie eine unaufhaltsame Erkenntnis überfiel es sie. Eine Erkenntnis, die einfach nicht wahr sein konnte. Oder doch?
Dieser Blick war ein Blick gewesen, der Martha das Gefühl gegeben hatte, seit langer Zeit zum ersten Mal wieder als Frau gesehen zu werden.
Nicht als die treue Mrs. Hudson, die den Tee servierte, die in ihrer Funktion als Hauswirtin die Verantwortung trug und alles am Laufen hielt, sondern als eine eigenständige, davon unabhängige Person.
Ein Lächeln schlich sich in ihre Mundwinkel, als sie das Gefühl wiedererkannte.
Die junge Martha Parker hatte um die Ecke geschielt auf der Suche nach einem Baum.