Die Gemächer der Königin lagen im südlichen Flügel des Schlosses. Vor den Türen standen Wachen, die beim Näherkommen Ilaras und ihrer Hofdamen die Hellebarden anhoben.

Sobald sie die hohe Tür erreicht hatten, schoben zwei Diener gleichzeitig geräuschlos beide Flügel auf, und sie rauschten mit ihren weiten Röcken wie eine Art Flutwelle in ein Vorzimmer hinein, in dem mehrere Hofdamen teils standen, teils an den Fenstern saßen und ihnen entgegenblickten.

Unschwer konnte Ilara die Neugier erkennen, die in diesen Blicken lag, die sich alle auf sie richteten, und sie widerstand dem Wunsch, den Schmutz von ihrem Rock zu streichen. Es hätte ohnehin nichts genützt, und außerdem hätte es nur die Unsicherheit gezeigt, die sie empfand, die aber niemanden etwas anging, schon gar nicht die Hofdamen der Königin.

Lady Beresford nickte dem Diener zu, der vor der nächsten Tür stand, und er öffnete sie und verkündete laut: »Die Kronprinzessingemahlin, Eure Majestät.«

Eine Antwort hörte Ilara nicht, doch der Diener trat zurück und gab den Weg frei.

Sie atmete tief durch. Erst zweimal hatte sie die Königin gesehen. Sehr kurz und so, dass es kaum eine Begegnung zu nennen war. Aber immerhin hatte die Königin Livia aufgefordert, ihre eheliche Pflicht zu tun, statt mit Imogen herumzuschäkern.

Ihre Pflicht. Das hieß noch lange nicht, dass die Königin auf Ilaras Seite stand. Offensichtlich wusste sie über gewisse Dinge Bescheid, aber wie ihre Meinung dazu war, das konnte Ilara nicht erraten.

Sie gab sich einen Ruck. Gerader Rücken, Blick nach vorn. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass sie zu einer Königin gerufen wurde. Ihre Mutter war auch eine.

Kaum hatte sie den großen Raum betreten, wurde die Tür hinter ihr geschlossen. Sie war jetzt mit der Königin allein.

Es war kein Raum für offizielle Empfänge. An den Wänden standen hohe Bücherregale, weiter hinten im Raum befand sich ein Schreibsekretär mit ein paar Schriftstücken darauf, der gegen die Wand zeigte und vor dem die Königin saß, als hätte sie eben noch geschrieben.

Im Moment  jedoch hatte sie ihre Hände vor sich verschränkt und schaute Ilara mit demselben unbewegten Gesicht entgegen wie am Tag zuvor, als sie Ilara auf der Treppe in Empfang genommen und festgestellt hatte, sie sei kleiner als erwartet.

Ilara sank in einen Hofknicks. »Eure Majestät.«

Die Königin erlaubte ihr nicht gleich, sich wieder zu erheben, sondern ließ einige Augenblicke verstreichen, bis sie ihr das Zeichen dazu gab. »Man berichtet mir«, begann sie daraufhin, »dass du heute Morgen ohne Begleitung das Schloss verlassen hast.«

Es war ja klar, dass es darum ging. Nicht dass Livia mit Imogen das Schloss verlassen hatte – vermutlich nicht zum ersten Mal –, wohl aber, dass Ilara das Schloss verlassen hatte. Hätte sie ihre eigene Geliebte mitbringen sollen, damit sie in Begleitung war?

Das wäre schon daran gescheitert, dass sie keine hatte, aber darum ging es selbstverständlich nicht. Es ging um die Hofetikette, ihre neue Stellung als Kronprinzessingemahlin, der sie zu gehorchen hatte. Und gehorchen war ihr immer schon schwergefallen.

Die Feststellung der Königin verlangte keine Antwort. Sie hatte keine Frage gestellt. Nur dann war es erlaubt zu sprechen, das galt für Prinzessinnen genauso wie für den restlichen Hofstaat.

Nun glitt der Blick der Königin über sie hinweg, von ihrem leicht verrutschten Hut, unter dem sich einige Haarsträhnen gelöst hatten, bis hinunter zum schmutzigen Saum ihres Kleides. Kein Muskel regte sich in ihrem Gesicht. »Du bist allein ausgeritten.«

Auch das war keine Frage, und Ilara hätte nicht antworten sollen, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. »Es war mir ein Bedürfnis, Schloss Avelyn und seine Umgebung kennenzulernen, um meine zukünftigen Pflichten als Gemahlin der Kronprinzessin besser erfüllen zu können, Eure Majestät«, erklärte sie, ohne ihre Stimme zu erheben.

Das gehörte sich ebenso wie ihren Blick auf einen Punkt knapp unterhalb des Gesichts der Königin zu richten und sie nicht unmittelbar anzusehen. Wie sie sich zu verhalten hatte, wusste Ilara sehr genau. Wie sie sich dabei zu fühlen hatte, konnte ihr niemand vorschreiben.

Wie schon zuvor ließ die Königin sich sehr viel Zeit mit ihrer Antwort. »Das hättest du auch tun können, wenn Comtesse Mirdal dich begleitet hätte«, verkündete sie schließlich in einem Ton, dem kein weiterer Tadel hinzugefügt werden musste. Jedes Wort war einer. Und doch hob sich die Stimme der Königin ebenso wenig wie die von Ilara zuvor. »Wie Lady Beresford mir mitteilte, war sie anwesend.«

»Als einzige meiner Hofdamen«, bestätigte Ilara. »Anscheinend bin ich zu früh aufgestanden, und das Protokoll beginnt erst später. Das war mir nicht bekannt.« Sie musste sehr damit kämpfen, ihre Mundwinkel nicht zucken zu lassen. »Ich werde mich ab jetzt darum bemühen, darauf zu achten.«

Scharf schaute die Königin sie an. »Auch in Caelan gab es gewiss ein Protokoll.«

Ja, dachte Ilara. Aber glücklicherweise konnte ich mich meistens darum drücken. Laut sagte sie: »Selbstverständlich, Eure Majestät. Aber ich war nicht die Kronprinzessin und auch nicht deren Gemahlin. Diese hohe Ehre hat erst Avelyn mir erwiesen.«

Das regungslose Gesicht der Königin begann sich zu bewegen, als sie nun leicht die Augenbrauen anhob. So leicht, dass man es kaum bemerkte, aber sie tat es. Und das war außergewöhnlich. »Du bist ein sonderbares Kind«, sagte sie.

Es war nur eine Nuance, aber auf einmal bekam ihre Stimme einen anderen Klang. Ilara konnte nicht genau einschätzen, was das zu bedeuten hatte, dazu kannte sie ihre neue Schwiegermutter noch nicht gut genug, aber unterschwellig meinte sie zu spüren, dass diese Einschätzung anders klang als Königin Eleonoras erste Bemerkung auf der Treppe, durch die Ilara sich für einen Augenblick doch etwas zu kurz geraten gefühlt hatte.

»Es tut mir leid, Majestät, wenn ich Euren Erwartungen nicht entspreche«, erwiderte sie respektvoll. »Aber ich kann Euch versichern, dass mich bereits in Caelan einige Menschen recht sonderbar fanden. Das scheint wohl einer meiner Geburtsfehler zu sein.«

Bewegte sich da erneut etwas im Gesicht der Königin von Avelyn? Wie immer war es kaum zu erkennen. »Dort bist du auch immer allein ausgeritten?«, fragte sie.

»Ehrlich gesagt«, Ilara zog die Schultern hoch, »ja, Majestät.« Allerdings habe ich dabei nie so etwas gesehen wie heute, dachte sie. »Es war mir nicht bewusst, dass das solchen Aufruhr verursachen könnte. Dafür bitte ich um Vergebung.«

»Ich weiß, dass Livia auch gern ausreitet.« Doch, da war etwas im Gesicht der Königin, ganz eindeutig. »Somit habt ihr schon etwas gemeinsam.«

Das glaube ich eher nicht. Auch das dachte Ilara lediglich, denn sie wollte es unbedingt vermeiden, Livias Verhalten und was Ilara in jenem Turmzimmer gesehen und gehört hatte, zu erwähnen. Was auch immer Livia tat, sie war nun Ilaras Gemahlin, und Ilara wollte dazu stehen, was das bedeutete, auch wenn Livia es nicht tat.

Also neigte sie nur leicht den Kopf. Die Königin konnte daraus machen, was sie wollte. Als sie jedoch lange Zeit nichts sagte, räusperte Ilara sich. »Darf ich eine Bitte äußern, Majestät?«