Nun hoben sich die Augenbrauen der älteren Frau tatsächlich sichtbar an. »Eine Bitte?«
Gleich am ersten Tag? hörte Ilara in dieser Antwort mitschwingen. Wie konnte ein – wie die Königin fand – sonderbares Kind so unverschämt sein?
»Es geht um meine Hofdamen.« Ilara hüstelte. »Sie haben kein eigenes Zimmer vor meinem Gemach und müssen auf dem Gang sitzen.«
»Was erzählst du da?« Die Königin schien verärgert und wandte sich einem Papier auf ihrem Schreibsekretär zu, als betrachtete sie die Audienz nun als beendet. »Selbstverständlich haben sie ein eigenes Zimmer.«
»Im alten Brautgemach ja«, erklärte Ilara so respektvoll wie möglich. Wenn sie eins nicht wollte, dann gleich am ersten Tag ihre Schwiegermutter, die sie überhaupt noch nicht kannte, dauerhaft gegen sich einnehmen. »Aber nicht im jetzigen.«
Als ob ihr Gesicht sich nun daran gewöhnt hätte, immer mehr in Bewegung zu geraten, schaute Eleonora mit leicht gerunzelter Stirn auf. »Wovon sprichst du? Es gibt nur ein Brautgemach.«
»Comtesse Mirdal war heute Morgen so freundlich, mir das Gemach zu zeigen, das ursprünglich als Brautgemach vorgesehen war.« Auch wenn Ilara bewusst war, dass sie sich damit die Gunst der Königin endgültig verscherzen konnte, sah sie keine andere Möglichkeit. Sie musste tun, was sie tun musste. Unmerklich holte sie Luft. »Es besitzt ein Vorzimmer für die Hofdamen. Das Gemach, in dem ich heute Nacht geschlafen habe, jedoch nicht.«
Das war Livias Mutter völlig neu, man sah es ihr an. »Im Ostflügel gibt es nur dieses eine Gemach«, beharrte sie und schaute wieder auf das Schriftstück vor sich. »Ich kenne kein anderes, das für den Empfang einer Braut geeignet wäre. So war es immer.«
Rasch überlegte Ilara und versuchte, sich daran zu erinnern, wie Melisande sie durchs Schloss geführt hatte. »Ich kenne mich noch nicht sehr gut im Schloss aus«, setzte sie vorsichtig an, »aber ich glaube, das Gemach, in das ich gestern gebracht worden bin, liegt im Westflügel.«
»Im Westflügel?« Eleonoras Erstaunen wuchs von Minute zu Minute, wie es schien. »Dort gibt es kein Brautgemach. Wer hat das veranlasst?«
Sollte sie es sagen? Im Gegensatz zu Melisande, die Ilara mitgeteilt hatte, dass es die Kronprinzessin gewesen war, die auf dem Zimmertausch bestanden hatte, schien die Königin nichts davon zu wissen. Sie musste ja nichts davon erfahren, dass Ilara zudem auch noch im Turmzimmer gelauscht hatte.
Doch schon klingelte die Königin mit einem Glöckchen auf ihrem Tisch. Ein Diener öffnete die Tür. »Lady Beresford soll hereinkommen«, befahl sie.
Der Diener verneigte sich, schloss die Tür wieder, und gleich darauf öffnete sie sich erneut, um Lady Beresford hereinzulassen, die sich nicht davon zurückhalten konnte, einen heimlichen Blick auf Ilara zu werfen, ob sie schon in Tränen ausgebrochen war, weil die Königin ihr die Leviten gelesen hatte, bevor sie die Königin selbst ansah. »Eure Majestät.« Sie neigte leicht ihren Oberkörper, deutete einen Knicks jedoch nur an. Vielleicht ein Privileg ihres Alters.
»Wer hat veranlasst, dass Prinzessin Ilara ein Gemach im Westflügel zugewiesen bekommen hat?«, fragte die Königin, nun wieder mit unbewegtem Gesicht.
Dass Lady Beresford mit dieser Frage nicht gerechnet hatte, sah man ihr deutlich an. Wahrscheinlich hätte sie unter anderen Umständen nach Luft geschnappt, doch in Gegenwart der Königin beherrschte sie sich. »Die Kronprinzessin, Eure Majestät«, gab sie Auskunft. Auch in ihrem Gesicht rührte sich kein Muskel, als wäre es eingefroren.
»Livia?« Jeder andere hätte jetzt wahrscheinlich gefragt, warum, aber so etwas fragte eine Königin nicht. Sie machte nur eine lange Pause. Dann fuhr sie fort: »Geleitet die Kronprinzessingemahlin unverzüglich in die ihr zustehenden Gemächer im Ostflügel.«
Auch diesmal wieder sah es so aus, als hätte Lady Beresford gern nach Luft geschnappt, aber auch hier verbot die Hofetikette jegliche Unmutsäußerung dieser Art. »Selbstverständlich, Eure Majestät.« Ihr Blick schwenkte erneut zu Ilara hinüber, aber diesmal beinah mit einer versteckten Frage darin, hinter der kein Wohlwollen lag. »Darf ich bitten, Eure Hoheit?« Sie wartete darauf, dass Ilara vorgehen würde, damit sie ihr im vorgeschriebenen Abstand folgen konnte.
Forschend schaute Ilara zur Königin hinüber, um festzustellen, ob sie entlassen war, und die nickte so angedeutet, dass man es fast nicht wahrnehmen konnte. Doch sowohl Lady Beresford als auch Ilara waren durchaus dazu imstande.
Noch einmal verneigte sich Ilara respektvoll vor der Königin, dann begab sie sich so gemessenen Schrittes, wie es ihr möglich war, zur Tür, denn sie musste sich sehr beherrschen, dass man ihrem Gesicht diesen Sieg nicht ansah.
Wenn Livia demnächst eine Tapetentür suchte, würde sie keine mehr finden.